“Kana ist nicht irgendein Ort, Kana ist ein Symbol” ruft Adel Jaafar die Sprechchöre der Menge hinweg.
Fair enough. Für die IDF allerdings war Kana bloss ein Symbol von einem Ort, von welchem die Hisbollah Israel angegriffen hat. Und er wurde auseinander genommen. Weil nun sich die heldenhaften Hisbollah-Kämpfer hinter Zivilisten versteckten und diese teilweise nicht flüchten liessen, kam es zu einer Tragödie, die Dutzende libanesische Menschenleben kostete.
Hinter ihm steht ein schwer bewaffneter Militärkordon: Die ersten Demonstranten hatten das Hauptgebäude der Uno angegriffen, Fenster und Büromaterial zertrümmert, bevor die Staatsmacht eintraf.
Denn dies ist immer dasselbe: Mit Gewalt gegen Gewalt demonstrieren.
Dass das Uno-Gebäude gestürmt wurde, ist kein Zufall: Steht es im Libanon doch für die Unfähigkeit der internationalen Gemeinschaft, der libanesischen Zivilbevölkerung Schutz zu gewähren. Bei einem israelischen Artillerieangriff 1996 kamen in Kana 106 Menschen ums Leben, die sich in dem Blauhelm-Camp in Sicherheit hatten bringen wollen.
Stimmt nicht. Es steht für die UNsche Unfähigkeit ihre eigenen Resolutionen durchzusetzen und dem Libanon eine demokratische Zukunft zu gewährleisten, wo die Hisbollah bloss noch eine durchgeknallte, politische Partei hätte sein sollen. Die UN hat aber versagt. Zudem glaube ich, dass die meisten Libanesen dies begriffen haben. Ich hoffe es.
Dementsprechend brodelt die Stimmung. “Wir geben unser Blut für den Süden” schallt es in Wellen durch die Menge.
Bitte! Geht! Niemand hindert euch. Tauscht die Plätze mit jenen Seelen im Südlibanon, die gerne nicht als menschliche Schutzschilder verwendet würden.
Die Masse ist im Zorn vereint. Christinnen mit Prada-Sonnenbrillen im Haar schwenken Hisbollah-Flaggen und Bilder des Hisbollah-Führers Hassan Nasrallah, schwarz verschleierte Schiitinen halten Schilder hoch: “Death for America” und “Bush=Terror”.
Denn Nasrallah würde in seinem Hisbollah-Ländle sicherlich Prada-Retailer zulassen. Es ist als würde Dieter Bohlen für Qualitätsstereoanlagen werben.
Hussein Haj Hassan, Parlamentsabgeordneter der Hisbollah wird von skandierenden Männern auf Schulter getragen und umklammert dabei eine Flagge der Amal, eigentlich die schiitische Konkurrenzorgansiation. “Wer seid ihr?” ruft ein sunnitischer Parlamentarier per Lautsprecherwagen über den ganzen Platz, auf dem sich inzwischen Tausende eingefunden haben. “Der Widerstand!” kommt die Antwort von Tausenden, an deren Fahnen und T-Shirts man erkennt, dass sie sich politisch sonst nicht mit der Hisbollah identifizieren.
Widerstand gegen was? Gegen die Hisbollah anscheinend nicht. Gegen die israelische Antwort auf Hunderte Raketen auf ihr Gebiet? Tja, wenn man nicht stinken möchte, sollte man nicht in Scheisse treten.
Adel ist in Zeiten knappen Benzins extra eine Dreiviertelstunde gefahren, um sich dem Protest anzuschließen. “Hier beweisen wir der Welt: Wir leben noch! Trotzdem uns Unglaubliches, Unerträgliches angetan wird, stehen wir heute hier als ein Volk!” sagt er.
Und hier seid ihr im Minimum ein paar Jährchen zu spät. Eine Demo gegen die Hisbollah vor einem Jahr und gegen die Geiselnahme der libanesischen Bevölkerung wäre lieb gewesen. Wirklich lieb. Aber so werden die zu spät gekommenen, ziemlich bitter bestraft…
Wie er sind viele hier tief zufrieden mit der Absage ihres Präsidenten Siniora an die US-Außenministerin Condolezza Rice, die ursprünglich am Montag in den Libanon kommen wollte, nun aber ausgeladen wurde. Wenn Condi keinen Waffenstillstand will, braucht sie auch nicht kommen, ist der Tenor der Meinungen.
Zu allem Überfluss hat es also nur noch sehr lausige Englisch-Dolmetscher. Prima. Die beleidigte Leberwurst zu spielen während einem der Arsch weggefetzt wird und noch darauf stolz zu sein, das fiele nicht einmal einem Dreijährigem ein, aber das hier ist ja Politik auf einem Pulverfass, da gelten andere Regeln. So kann man ja auch die einzige Hoffnung auf einen Waffenstillstand verstossen, denn, an diesem Punkt, wieso eigentlich auch nicht? Man hat bei der Entwaffnung der Hisbollah kläglich versagt und sucht einen Schuldigen… Wer besser als der globale Sündenbock?
Der Protest vor der Uno richtet sich nicht nur gegen Israel und die USA. Die Libanesen fühlen sich von der arabischen Welt im Stich gelassen. “Ich fordere die arabischen Völker auf, nicht nur zuzusehen, wie wir getötet werden. Geht auf die Straße, blockiert die Botschaften der westlichen Staaten in euren Ländern”, fordert ein sunnitischer Parlamentarier unter heftigen Applaus.
Scheint als hätte die arabische Welt Sachen ein bisschen klarer gesehen. Dass ein paar Zeichnungen mehr Leute auf die Strassen gelockt haben als ein israelischer Krieg müsste eigentlich ziemlich zu denken geben.
Er beschwört die eingeschlossenen Menschen im Süden, Geduld zu haben. “Wir werden kämpfen, knien tun wir nur vor Gott.”
Das mit dem Knien ist ein wirklich grosses Kompliment an die IDF. Ein fast zu grosses fast schon.
Julia Botros, eine für ihre patriotischen Lieder bekannte christliche Sängerin tritt ans Mikrofon und grüßt Nasrallah als historischen Führer: “Ehrlichkeit und Ehre sind seine Werte.”
Komisch Ehrgefühl, aber gut, wenn er meint es sei ehre- und würdevoll Zivilisten als Schutzschilder zu benutzen, okay. Das mit der Ehrlichkeit hingegen kann man durchaus so stehen lassen: Er hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er Israel zerstören will, dass israelische Zivilisten dabei zweifelsohne die ersten Angriffsziele sind und dass libanesische Zivilisten ihm als Schutzschilder dienen. Wie man an dieser Demonstration sieht, sogar zu einem Teil als willige.
Das sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die libanesische Bevölkerung einer Tragödie ausgesetzt ist. Gleichzeitig darf man unter keinen Umständen den Verantwortlichen dieser Tragödie vergessen: Die Hisbollah und im weiteren Sinne der Iran, der wohl gerade testen wollte wie weit er gehen kann. Es war die Hisbollah, die nach dem israelischen Rückzug das Gebiet zum Abschuss von Hunderten Raketen benutzte. Es war die Hisbollah, die die Krise mit der Geiselnahme von zwei israelischen Soldaten auslöste. Es ist die Hisbollah, die sich unter die Zivilbevölkerung mischt. Es ist die Hisbollah, die absichtlich Zivilisten umbringt. Es ist die Hisbollah, die ihre Waffen in Moscheen, Schulen, Kindergärten und öffentlichen Gebäuden lagert. Es ist die Hisbollah, die Wohnhäuser zum Abschuss von Raketen auf Israel benutzt. Es ist die Hisbollah, die sich in Krankenwagen und Hilfskonvois bewegt. Es ist die Hisbollah, die mit Zivilisten israelische Soldaten in Hinterhalte lockt, wo auf sie ungeachtet der Zivilisten geschossen wird.
Der Konflikt könnte ein sofortiges Ende haben. Israel bedroht weder den Libanon noch die libanesiche Bevölkerung, die Hisbollah aber die isralische Bevölkerung als auch Israel selbst. Die Bedingungen für einen Waffenstillstand sind offensichtlich: Eine Kapitulation der Hisbollah.