Dienstag, 28. Februar 2006
Kein Bürgerkrieg!
Es ist wirklich mühsam. Wie viele Male wurde schon ein Bürgerkrieg im Irak prophezeit? Und wie viele Male ist er eingetreten? Könnte es vielleicht sein, dass sich ihn jemand wünscht? Dass organisierte und unorganisierte Terrorakte auf einem hohen Niveau ausgeführt werden ist abscheulich, dass die Anzahl von Gewalttaten immens ist, stellt ein riesiges Problem dar, aber keinen Bürgerkrieg. Halten wir fest, dass wenn wir den Stimmen, die jetzt Bürgerkrieg schreien Glauben schenken würden, dann hätten die Amerikaner bei Bagdad ihr Stalingrad erlebt, es hätte nie Wahlen gegeben, die Verfassung wäre nie geschrieben worden und die Sunnis hätten sich nie an der Regierung beteiligt.
Jene, die Bürgerkrieg brüllen, müssten zeigen, welche Indikatoren für einen Bürgerkrieg im Irak präsent sind. Bill Roggio präsentiert Sachverhalte, die im Irak auf einen Bürgerkrieg zeigen würden - wenn sie existieren, was sie glücklicherweise nicht tun:
- Die Sunniten ziehen sich komplett aus dem politischen Prozess zurück
- Die Schiiten versuchen nicht mehr eine Regierung zu formen, die Schiiten, Kurden und Sunniten miteinbezieht.
- Die Kurden brechen mit dem Irak.
- Gross-Ayatollah Sistani hört auf Frieden zwischen Schiiten und Sunniten zu predigen.
- Wichtige politische Player der Schiiten als auch Sunniten machen sich für Milizen stark.
- Das Innenministerium ignoriert die Fälle von Folter und Todes-Schwadronen.
- Von dem Verteidigungsminister Dulaimi, einem Sunniten, wird der Rücktritt gefordet.
- Die irakischen Sicherheitskräfte stellen die Kooperation mit der Koalition ab.
- Die irakischen Sicherheitskräfte bemühen sich nicht um Sicherheit in sunnitischen Gebieten oder greifen gezielt Sunniten an.
- Sunniten werden aus der irakischen Armee entlassen.
- Kurden treten aus der irakischen Armee aus um in Kurdistan eine eigene aufzubauen.
Keiner dieser Sachverhalte ist eingetreten. Was wir sehen ist der Versuch einer kleinen Minderheit sie herbeizuführen. Und ihre Strategie scheint auch hier wieder rückzufeuern. Aus der gegenseitigen Gewalt wurde nichts: Eine Moschee wurde als Reaktion zerstört, sechs weitere teilweise und 21 angegriffen, aber nicht beschädigt. Das ist zwar fraglos tragisch, aber immer noch kein Bürgerkrieg.
Im Gegenteil. Es scheint die Iraker zu vereinen. Nicht nur das Volk, auch die politischen und religiösen Figuren.
Die einzige unklare Rolle ist jene des Moqtada al-Sadr. Es ist möglich, dass er versucht hat seinen Reichtagsbrand zu organisieren oder zumindest den Anschlag auszunützen, sind doch seine Milizen für die meisten Racheakte verantwortlich. Doch er scheint eingesehen zu haben, dass dies überhaupt nicht funktioniert hat und schloss einen Ehrenpakt mit der konservativen Sunni Muslim Scholars Association und sie verurteilten jegliche Akte, die zu einer Spaltung des Irakes führen könnten. Danach beteten die Schiiten in einem der zahlreichen gemischten Gottesdienste unter der Führung des sunnitischen Imams Abdel Salam al-Qubaissi, der islamische Extremisten wie Sarkawi für die Gewalt verantwortlich machte.
Alle wichtigen schiitischen Persönlichkeiten waren schnell zur Stelle um Gewalt gegen Sunniten zu verurteilen. Dass Gross-Ayatollah Sistani im Irak eine Stimme der Vernunft ist, gilt fast schon als Selbstverständlichkeit. Doch auch Abdul-Aziz al-Hakim, Führer des Supreme Council for the Islamic Revolution in Iraq, nahm die Sunniten in Schutz und machte Extremisten wie Sarkawi und ehemalige Baathisten für die Anschläge verantwortlich. Bis auf den jungen, verwirrten al-Sadr machte im Irak selbst - ganz im Gegensatz zu allen möglichen Gestalten aus den Nachbarländern, »Präsident« des Irans inklusive - niemand die Koalitionstruppen für den Anschlag verantwortlich.
Die Vorsitzenden des grössten sunnitischen Blockes kündigten an, sich wieder an Gesprächen zur Bildung einer Regierung beteiligen zu wollen.
Die überwiegend schiitische Polizei und Armee hielt schiitische Milizen zurück und hatte die Lage so gut es ging unter Kontrolle.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass nicht eine einzige Authorität, politisch oder religiös, die Untat nicht verurteilt hätte. Alle fordern nationalen Zusammenhalt, niemand eine Spaltung oder mehr Gewalt. Das ist keine Zutat für einen Bürgerkrieg.
Beim Volk scheint die Stimmung ebenso zu sein: In Mousul, Hillah, Al-Koot, Amarah, Karbala, Basra und Bagdad - wahrscheinlich auch an vielen andern Orten - versammelten sich Schiiten wie auch Sunniten, teils zu Hunderten, teils zu Tausenden um für nationalen Zusammenhalt zu demonstrieren und gegen eine Spaltung zwischen Schiiten und Sunniten. Man sollte nie vergessen, wenn man schon den Bürgerkrieg heraufbeschwören will, dass ein Sunnit stolz ist, ein solcher zu sein, genauso wie ein Schiit seine Glaubensrichtung nicht verheimlichen wird, aber sie sind mindestens ebenso glücklich sind einen Cousin aus der anderen Glaubensrichtung zu haben.
Die beeindruckendste Meldung kommt aber aus Samarah, dem Ort der Tragödie, selber. Dort fingen die Bürger der Stadt eigenhändig an, die Ruinen der Moschee aufzuräumen, während andere sich mit Rufen wie »Nicht Schiiten, nicht Sunniten… eine nationale Eintracht« zu einer spontanen Demonstration zusammenfanden.
Dass es im Irak Gruppierungen, Sarkawis Terrorbande allen voran, gibt, die gerne einen Bürgerkrieg hätten steht ausser Frage. Auch Teheran wird wohl kaum etwas dagegen haben. Das heisst aber noch lange nicht, dass ein solcher eintreten wird. Die Iraker haben ganz offensichtlich nach Jahrzehnten von Krieg genug davon. Das Land hat genug andere Probleme als dass wir ihm noch dieses aufdrängen sollten.



