Montag, 31. Januar 2005
»Allah segne Sie«
Die Seifenblase ist geplatzt, die Luftschlösser sind gestürmt und die deutschen Medien müssen mit der Realität fertig werden. Und das ist hart. Mit dem für selbst westliche Verhältnisse hohen, aber für ein Land in welchem Terroristen drohen »die Strassen mit dem Blut der Wähler zu bemalen« fanatistischen Wahlbeteiligung schlugen die Iraker Europa und alle anderen »Friedensfreunde« aus dem Stand KO. Während in Madrid Leute allen Ernstes auf die Strassen gingen um gegen die Wahlen zu demonstrieren (es sei angemerkt, dass dies selbstverständlich keine Iraker waren), feierten die Menschen spielend und tanzend auf den Strassen von Bagdad. Was für ein Kontrast!
Dies bringt die Medien natürlich in eine Zwickmühle: Wie schreiben sie nicht komplett an der Realität vorbei, behalten aber ihre Leserschaft und ihr Weltbild bei, welche sich nichts sehnlicher als eine Niederlage der Amerikaner wünschen? Wie können sie ihre rassistische Idee der demokratieunfähigen Araber und Muslime aufrecht erhalten, wenn in den Wahllokalen die Mitarbeiter mit Süssigkeiten überhäuft werden, Allah für die Wahlen gedankt wird und die Iraker sagen, dass sie selbst bis in die Abstimmungszentren gekrochen wären? Kurz: Sie haben einen zweijährigen Kampf gegen Freiheit vorloren, der Stachel sitzt tief, wie werden sie jetzt ihr Gesicht bewahren?
Der Spiegel trumpft mit einem atemberaubendem Drei-Punkt-Plan, welches der Strategie des Kommentieren, aber Ignorieren folgt. Wenn schon das Desaster bei den Wahlen ausblieb, dann gibt es jetzt erst recht einen Bürgerkrieg.
Der erste Artikel, Die Grenzen des Terrors, schaut aus, als wäre er voller Enthusiasmus, ist er aber nicht.
Eine Wahl, in der es die meisten Kandidaten nicht wagten, ihre Namen zu veröffentlichen
Zum x-ten Mal: Es wäre ein wenig schwer, über 7000 Kandidaten auf eine Liste zu zwängen.
Dreizehnmal haben die Selbstmordattentäter nach eigenen Angaben zugeschlagen.
Waren sie nicht eine rieseige Bewegung der Bevölkerung? Waren sie nicht zehntausende, wenn nicht hundertausende? Wo sind sie hin? Versprachen sie uns nicht etwas »Späktakuläres«? Haben nicht gerade auch die Medien uns ein solches Spektakel zugesichert? Kann man vielleicht jemanden auf Grund falscher Werbung anzeigen?
Die schwarze Prosa, mit der die Dschihadisten potentielle Wähler von den Wahllokalen verscheuchen wollten, zeigte nur vereinzelt Wirkung. Sarkawi, dem Paten des Terrors, sind heute vom irakischen Volk die Grenzen aufgezeigt worden
Nein, nicht nur ihm, sondern der ganzen kommentierenden und meinungsmachenden Klasse welche das T-Wort wie die Pest mied und den Eindruck vermittelte, dass die Terroristen ein legitimer Widerstand wären, dass sie von der Bevölkerung unterstützt wurden.
Das Land, das sie regieren soll, ist voller schwarzer Löcher. Vor allem im Zentralirak gab es wegen der Bürgerkriegssituation keine echte Wahlfreiheit - und das war ausnahmsweise nicht die Schuld der US-Besatzer.
Peng, aufgefolgen! »Ausnahmsweise«… »Besatzer«… Hört endlich auf damit, bitte, lasst es! Die Amerikaner würden alles tun, um so schnell wie nur möglich wieder nach Hause zu gehen. Schon alleine des Klimas wegen. Bush hat mehrmals betont, dass man abziehen würde, wenn dies die irakische Regierung wünschen würde. Sprechen Besatzer wirklich so? Claus, wieso zerstörst du deinen Artikel so?
Der terroristische Krieg hatte sich in den vergangenen Monaten und Wochen deshalb verlagert. Es galt, freie und faire Wahlen im Irak um jeden Preis zu verhindern und die Vertreter dieser Entwicklung anzugreifen.
Und was machten unsere Medien? Sie verliehen jeder Stimme die den Terroristen nachgeben wollte und die Wahlen verschieben wollte oder an deren Durchführbarkeit zweifelte ein solches Gewicht, dass man nur glauben konnte, dass dies tatsächlich der Fall wäre. Die Terroristen dankten es euch mit Sicherheit, auch wenn es im Endeffekt nicht weiterhalf.
Der Ausgang des Krieges, den die Terroristen im Irak zu gewinnen drohten, ist jedenfalls seit heute wieder offen.
Wie kommst du denn darauf? Würde mich wirklich ganz interessieren. Das irakische Volk sprach sich in allen Umfragen in überwältigenden Mehrheiten gegen Terror aus und unterstützte die amerikanischen und irakischen Sicherheitskräfte im Kampf gegen die Attentäter. Wo bitte gab es da etwas für die Terroristen zu gewinnen?
Pannen und Ungereimtheiten, die in den kommenden Tagen vermutlich enthüllt werden, sollten nicht den Hochmut der Europäer, sondern das Angebot zur Hilfe herausfordern.
Sollten…
Dieser doch alles in allem eher positive als negative Artikel, thronte aber nur für wenige Stunden am Abend auf der Spiegel-Website. Relativ bald wurde er von dem immens wichtigem Schiedsrichterskandal abgelöst und schliesslich wurde er durch den Artikel des Spiegel-Mannes fürs Grobe, Marc Pitzke, in die Zeilen verwiesen.
Und Marc enttäuschte nicht! In gewohnt gekonnter Manier suchte er sich Stimmen aus der amerikanischen »Angry Left« welche die Wahl Bushs immer noch nicht verdaut hat, stellte Fragen fragen an Rice und antwortete höchst persönlich, weil die neue Aussenministerin ihm wohl keine Privataudienz geben wollte.
Demütig und ganz in schwarz, gab sie da die offizielle Losung aus für die nächste Etappe des amerikanischen Irak-Abenteuers: Ende offen.
Demütig? Oh come on… Folgendes sagte sie bei ABC: »Wir sehen hier die Stimme der Freiheit«, »Ich glaube die Terroristen verlieren, ihre Aktivitäten sind viel, viel schwächer als angekündigt« und »Die Wahlen verlaufen besser als erwartet«. Demütig also… Gut, dass wir darüber gesprochen haben. Und wenn du ein Foto von Rice bei einem öffentlichen Auftritt nicht in schwarz findest, lass es mich wissen, Marc.
Was hätte sie denn anderes als »Ende offen« sagen sollen, damit du glücklich gewesen wärst? Mal ehrlich, was hätte sie überhaupt anderes sagen können?
Im selben Atemzug propagierte aber auch Bush die “Ende offen”-Warnung: “Terroristen und Aufständische werden ihren Krieg gegen die Demokratie weiter führen. Wir werden das irakische Volk in seinem Kampf gegen sie unterstützen.”
Warnung? Ja, Marc, geh’ ‘mal in den Irak und warne die Leute, dass die Amerikaner sie vor den Terroristen beschützen wollen. Sie werden bestürzt sein. Entsetzt werden sie sogar sein.
Am kritischsten war, erwartungsgemäß, die linke Blogger-Szene. “Diese Wahl ist meiner Ansicht nach eine Übung in hübschen Bildern”, schrieb Markos Moulitsas Zúniga auf “Daily Kos”, einem der populärsten US-Weblogs. “Sind die Leute, die da gewählt wurden, in der Lage, den Irak in dieser Zeit zu regieren? Ohne 150.000 US-Soldaten?”
Na toll, jetzt wird schon Daily Kos im Spiegel zitiert… Wie wäre es mit Powerline oder Little Green Footballs? Passt’s nicht ins Weltbild, weil sie mit Fakten operieren? Herr Zúniga wird im übrigen von Howard Dean bezahlt, während er den republikanischen und konservativen Bloggern vorhält, allesamt vom Weissen Haus finanziert zu werden.
Übermorgen wird alles vergessen sein.
Genau, Marc! Und weisst du warum? Weil ihr es vergessen wollt! Nichts schmerzt einen Journalisten wie eine kapitale Fehleinschätzung der Lage. Also Schwamm drüber, alles wird gut und wenn es das nächste Mal darum geht ein Land zu befreien, werdet ihr es wieder verhauen…
Die Technik des Wählens der Stimmen die einem gerade passen aus einem 280 Millionen-Land hat die Spiegel-Redaktion fast noch besser im Griff als Pitzke. Ihr berühmtes »Cooperative agreement« mit der New York Times wird nur dazu verwendet, Stimmen herauszupicken, die in die Linie passen. Dies funktionierte auch heute prächtig.
Während die New York Times in ihrem Editorial daran erinnert, dass sie oft die Bush-Adminstration kritisiert hat, aber dass der heutige Tag ausschliesslich ein Tag der Freude für das irakische Volk seie, egal ob man für oder gegen den Krieg war und einen Meinungsartikel über die Erfolge der Wahlen in Sadr-City publiziert hat, wählte unser Spiegel das Op-Ed welches kurz den Erfolg der Wahlen anspricht, aber nur um sich eine wirre Theorie zu verrennen, welcher zufolge die Wahlen nichts verändert haben, das ganze Schauspiel nichts mit Demokratie zu tun gehabt hätte und bloss ein »Rezept für mehr Krieg« sei.
Saubere Leistung, ihr habt es tatsächlich geschafft einen immensen Erfolg für das irakische Volk auf euere ganz spezifische Art und Weise ins schlechte Licht zu rücken, nur weil ihr mit der Nationalität der Befreier ein historisches Problem habt. Ihr könnt nur hoffen, dass die Iraker euch eines Tages verzeihen werden.


