Sonntag, 19. Dezember 2004
Edle Dummheit
Mit Nobelpreisgewinner stimmt per se etwas nicht. Scheint so zumindest. Würde man mir einen anbieten, ich weiss nicht ob ich ihn annehmen würde. Wahrscheinlich schon, denn mit einer Million könnte ich meinen Traumsurfurlaub auf Hawaii realisiern. Oder den Snowboardurlaub in Colorado. Aber wohl würde ich mich dabei nicht fühlen, schliesslich haben ihn Yassir Arafat und Kofi Annan schon erhalten.
Als Jimmy Carter der Preis zugesprochen wurde, machte die Jury deutlich, dass dies als ein »Tritt ins Bein« von George W. Bush interpretiert werden sollte. Unter anderem wurde Carter dafür gepriesen, den keine-Atomwaffen-Pakt mit Nordkorea geschlossen zu haben und somit friedlich durch Diplomatie einen Konflikt gelöst zu haben. Nur ein paar Wochen später wurde bekannt, dass Nordkorea diesen Pakt systematisch brach.
Dieses Jahr wurde Elfriede Jelinek - eine Frau, gefüllt mit Selbstverachtung - die Ehre zuteil. Ganz zufällig nachdem sie im Jahr zuvor Bambiland schrieb. Das Buch wird als »kreischender Angriff« auf die USA gewertet. Sie schreibt unter anderem über die »männlich-martialische Kriegsindustrie, die durch die Berichterstattung zum Wartainment, zu einer Art neuem Disneyland für TV-Junkies geworden ist« und wie »der patriotische Enthusiasmus zu Geisteskrankheit verkommt«.
Eine Stufe weiter ging Mairead Corrigan Maguire. Die Irin erhielt den Nobelpreis für Frieden im Jahre 1977 für die Gründung des »Northern Ireland Peace Movement«. Ein weiterer atemberaubender Erfolg einer Preisträgerin. Alfred wird sich im Grabe umdrehen. Heute war sie in Jerusalem um dem Verräter des israelischen Atomwaffenprogrammes, Mordechai Vanunu, ihre Unterstützung für seinen Kampf um Weihnachten ausserhalb Israels zu zusagen. Dies wäre wirklich halb so wild, nur leider machte sie den Mund öffentlich auf: »Wenn ich über nukleare Waffen nachdenke, ich war im Konzentrationslager in Auschwitz [Sie hat es besucht]. Nukleare Waffen sind nichts als perfektionisierte Gaskammern, … und als ein Volk welches weiss was Gaskammern sind, wie könnt ihr überhaupt daran denken perfektionierte Gaskammern zu bauen?« fragte sie.
Ich bezweifle ernsthaft, dass sie über Atomwaffen nachgedacht hat, denn sonst hätte sie gemerkt, dass diese nicht automatisch 6 Millionen Juden vergasen und dass sie ganz nebenbei Israel von einer Invasion durch die Nachbarländer bewahren. Genau darum denken sie daran, deshalb baut Israel diese Waffen. Vielleicht weil eine Atombombe eben keine Kammer ist, sondern wie der Name es schon vermuten lässt, eine Bombe.
Dass die Israel-Nazi-Vergleiche schon so weit reichen, zeigt wie langsam, aber sicher das alte Ressentiment gegen die Juden wieder auflebt. Jahrehunderte des Hasses lassen sich nicht mit einem einzigen Holocaust wegradieren, zumal dieser noch einen Judenstaat zufolge hatte. Nicht nur die Deutschen können den Juden Auschwitz nicht verzeihen, die ganze Welt bringt es nicht über’s Herz. Das schöne am jetzigen Zustand ist, dass man Israel zusammenstauchen kann, sei es noch so irrational, und man nicht mit dem Finger auf den bösen Juden zeigen muss. Diese Art des versteckten Judenhasses ist aber auch auf dem Rückgang, denn man traut sich immer zu sagen, dass die Juden »zu viel Einfluss« hätten und mit »üblen Tricks« arbeiten würden.
Der Niedergang des Nobelpreises schmerzt. Albert Einstein, Niels Bohr, Marie Curie, Lech Walensa, Martin Luther King Jr., Winston Churchill und viel andere riesige Persönlichkeiten und Genies. Was denken sie davon?

Montag, 20. Dezember 2004, 00:27
Mairead Corrigan Maguire hat eben nicht verstanden, dass Waffen an sich weder gut noch schlecht sind, sondern nur die Menschen, die das “Knöpfchen” drücken, gute oder schlechte Absichten haben. Aber dieser “Fetischismus” “böse” Waffen zu ächten, lenkt eben wunderbar vom Mensch, seiner Gesellschaft und Staatsform ab. In der Utopie der Gutmenschen können die Menschen so bleiben wie sie sind (totalitär, gewalttätig, judenhassend, … etc.), sie müssen nur ihre Waffen verschrotten oder wahlweise den Besitz an Produktionsmitteln ändern o.Ä. und alles wird gut. Diese besonders naive Weltsicht trägt außerdem nicht der Möglichkeit Rechnung, dass vielleicht die Atomwaffen im Kalten Krieg einen heißen Krieg der Weltmächte verhindert haben, der vielleicht hunderte Mio. Menschenleben gekostet hätte. Auch eine Atombombe an sich ist völlig harmlos. Man kann sie in eine Ecke stellen und nur zur Abschreckung zumstehen haben. Aber warum unterstützt diese Frau einen Israeli, der des Verrats schuldig gesprochen wurde? Das legt doch direkt nahe, dass sie auf der Seite der Palästinenser steht. Und daher hat sie natürlich kein Interesse daran, Israels Verteidigungsfähigkeit gegen palästinensische Terroristen und arabische Armeen zu bewahren. Auch so wird ein Schuh daraus. Nur wenn Terror oder eine andere Kriegsführung gegen Israelis auch etwas ausrichten kann, kann sie Israel dazu bewegen aufzugeben. Manche Leute wollen letztlich, dass Terroristen die Welt “gerechter terrorisieren” oder sonstwie eine Ordnung zu Fall bringen. Das ist zwar Irre und wird die Welt nur in Chaos und Zerstörung führen, aber sie glauben eben daran.
Montag, 20. Dezember 2004, 15:17
Ohne Atomwaffen hätte es keinen kalten Krieg gegeben.
Eine Gaskammer an sich ist auch völlig harmlos.
Klingt für mich beides nicht allzu fern von der Realität.
Montag, 20. Dezember 2004, 17:54
Na, hätte das jemand zu Zeiten des Kalten Krieges festgestellt!
Was wäre ohne Atomwaffen passiert? Russland und die USA hätten zusammen ein Mondflugprogramm gestartet?
Wenn du wirklich allen Ernstes (und ich erinnere dich noch einmal daran, Michael Moore ist nicht die einzige Wahrheit!) glaubst, die Amerikaner würden es über alles lieben ihre Jungs in Kriege zu schicken und dass Ausstecken von US-Fahnen wo es nur geht, Geisteskrankheit ist, dann hat die gute Frau Recht.
Aber ansonsten müsstet ihr euch ‘mal entscheiden: Entweder kriegsgeil oder christliche Fundis…
Und noch etwas: Wie verwendet man Gaskammern zur Abschreckung von Mullahs?
Montag, 20. Dezember 2004, 22:29
“Ohne Atomwaffen hätte es keinen kalten Krieg gegeben.”
Das ist schnell hingeklatscht. Wieviele Millisekunden haben Sie darüber nachgedacht?
Dienstag, 21. Dezember 2004, 15:38
[quote]Wenn du wirklich allen Ernstes glaubst, die Amerikaner würden es über alles lieben ihre Jungs in Kriege zu schicken [/quote]
Das habe weder ich gesagt, noch kann ich es aus deinem Zitat von Elfriede Jelinek herauslesen.
[quote]und dass Ausstecken von US-Fahnen wo es nur geht, Geisteskrankheit ist[/quote]
Das grundsätzliche Anstecken von Fahnen wohl nicht. Das Anstecken “wo es nur geht” dann vieleicht doch.
Dienstag, 21. Dezember 2004, 16:00
Doch doch, das sagst du und das sagt auch Jelinek. Indirekt, aber dennoch. Um das »Disneyland für TV-Junkies« zu kreieren, musst du eben zuerst die Soldaten in den Krieg schicken…
Weisst du, ich habe Leute wie dich und Jelinek nie so richtig verstanden. Und ihr seid in der Mehrheit in Europa. Ihr ignoriert wie zehntausende Frauen und Mädchen in eueren Städten unterdrückt werden unter dem Deckmantel der Religion, einer anderen Kultur, aber wenn dann ein weit entferntes Volk das Bedürfnis hat, seine Fahne überall zu zeigen, dann ist es nichts anderes als geisteskrank.
Mittwoch, 22. Dezember 2004, 17:27
[quote]Doch doch, das sagst du und das sagt auch Jelinek. Indirekt, aber dennoch. Um das »Disneyland für TV-Junkies« zu kreieren, musst du eben zuerst die Soldaten in den Krieg schicken…[/quote]
Ich kann nicht für Jelinek sprechen, weil bis auf das Zitat weiß ich nichts von ihr, aber ich habe das definitiv nicht gesagt, und auch nicht gemeint.
Was ich daraus gelesen habe: Viele der Amerikaner, die den Irak-Krieg befürworten, machen sich keine allzu tiefen Gedanken über eine mögliche islamistiche Bedrohung, sind stolz auf ihre tollen Streitmächte, bejubeln es, wenn eine Erfolg im Iraq gemeldet wird, und bilden sich ein, sie wären traurig, wenn es Opfer gibt. Aber in Wirklichkeit sitzen sie zu Hause in ihren warmen Sesseln, und die Realität des Krieges ist tausende von Meilen weg.
Mittwoch, 22. Dezember 2004, 17:40
Schau. Ich lebe in einem kleinen Ort, der einen kleinen Nachbarort hat. Schon hier gibt es teilweise subtile Stimmungen wie “wir”, und “die”. Nicht extrem, aber teilweise gibt es die. Dann eine Ebene höher: “Wir, die Bayern.”. Das ist im Prinzip auch Patriotismus. Dann gibt es natürlich noch “Wir, die Deutschen”, und “Wir, die Vereinigten Staaten von Amerika”, etc..
Was liegt da so fern, einmal zu sagen, hey, “Wir, die Menschheit”?
Es gibt hier viel Anti-Amerikanischismus. Genauso gibt es auch Anti-Euroäismus (gibts das Wort überhaupt?) in Amerika - man braucht nur mal Kommentare bei David’s Medienkritik so zu lesen.
Patriotismus ist nicht unbedingt schlecht, aber man kann es auch leicht übertreiben, und es ist nicht so, als ab das nicht schon oft geschehen wäre.
Mittwoch, 22. Dezember 2004, 18:49
–>Ohne Atomwaffen hätte es keinen kalten Krieg gegeben.
Meine Analyse: Da die USA konventionell kein Gleichgewicht gegen die SU hätte halten können. Vier Millionen US-Soldaten zum Schutze Europas auf Dauer stationieren, wäre nicht gegangen, wäre genau das Szenario eingetreten, welches früher meine Lehrer in der Schule immer gesagt haben (und wir Schüler nicht geglaubt haben).
Ein Vormarsch der SU bis zum Ärmelkanal.
Warum? Die Sowjwtunion war 1945 wirtschaftlich ruiniert, die Hälfte ihres cisuralischen Staatsgebietes ist durch den Krieg (durch die Deutschen!!!) zerstört worden. Gleiches gilt auch für die gewonnenen Satelittenstaaten wie Polen usw..
Aus dieser Schwäche heraus blieb der SU nur ein Faktor: Die wohlhabenderen und nicht zerstörten Gebiete im Westen Europas zu erobern. ihr einziger Machtfaktor war die Armee!
Bei starken KPs in Frankreich und Italien wäre es kaum ein Problem gewesen, als Befreier einzuziehen.
Der Westen konnte seine konventionelle Unterlegenheit nur durch atomare Überlegenheit ausgleichen und so entstand unter dem amerikanischen Schutzschirm das munter wirtschaftende und erfolgreiche Westeuropa der EU. Heute meinen die Europäer die Amis nicht mehr zu brauchen, da Rußland der neue Freund ist und Gerghard Schröder tritt in die Fußstapfen Wilhelms II und von Prinz Heinrich und macht Weltpolitik. Klinsmann in Thailand, Schröder in China: WIR SIND WIEDER WER!
Mittwoch, 22. Dezember 2004, 20:42
Und die Pazifisten sitzen in ihren warmen Sesseln und malen sich ein Feindbild… Wie sind diese Leute, welche die Verbrechen Saddams ignorierten auch nur ein Stück besser?
Ausserdem kennst du die Amerikaner nicht. Sie haben vielleicht keine tiefen Gedanken zum islamischen Terrorismus (obwohl, 9/11), aber sie haben eine starke Bindung an die Idee der Freiheit, genauso wie die Europäer an der Idee der Gleichheit hängen. Der normale Ami sieht es als offensichtlich an, dass ein Land nicht von einem Diktator beherrscht werden darf.
Nein, es gibt keinen anti-Europäismus in Amerika. Deshalb gibt es auch kein Wort. In Amerika regieren nicht Bücher welche Europa zerreissen die Sachbuchbestsellerlisten, in Europa hingegen werden Angriffe auf Amerika lechzend verschlungen. Die sogennante intellektuelle Elite in den USA verachtet ihr eigenes Land fast genauso wie die Europäer es tun. Die Medien sind nicht antieuropäisch. Es gibt in den USA kein Klischee vom dummen, magersüchtigen Europäer, während der Ami in Europa grundsätzlich fett und blöd ist. Das einzige was nahe kommt, ist die Verachtung der Franzosen als weisse Fahnen-Schwenker, was aber mehr mit der Freundlichkeit der Franzosen gegenüber den Amerikaner nach zwei Befreiungen zu tun hat.
Gerade du als Deutscher: Die Amis haben aus Nationalstolz noch nie ab fünf Uhr zurückgeschossen…