Dienstag, 14. Dezember 2004
Kebab, Genozid und Fundamentalisten
Die türkische Version des BigMacs ist besser als das Orginal, da mag man ihr den üblen Gruch verzeihen. Wenn man sich das Zürcher Dörfli ansieht, dann hat der Kebab wahrscheinlich schon Fondue und Raclette in der Gunst der Schweizer weit überholt. Meine Genfer Freundin meinte, nach einem Week-End in Zürich, dass dies die Nationalspeise der Deutschschweizer sein müsste. Dies mag lustig erscheinen, ist aber eher traurig, da dies einer der stärksten Argumente für einen EU-Beitritt der Türkei ist. Viel mehr gibt es nicht.
Die Türkei hat während dem ersten Weltkrieg einen Genozid an Armeniern begangen. Dabei wurden 1,5 Millionen umgebracht, also nicht gerade eine Kleinigkeit. Hitler war fasziniert, vor allem weil der Genozid so schnell vergessen war. Die Türkei weigert sich diesen anzuerkennen. Wenn jemand in der Türkei es wagt, diese des Genozids an Armeniern zu beschuldigen, drohen ihm bis zu sechs Jahren Haft. Seht ihr, Deutsche, so geht das! Wenn ihr euch unter Hitler doch nur ein wenig mit Geschichte befasst hättet. Natürlich, der Genozid war nicht so gross angelegt wie der Holocaust, aber dennoch. Deutsche, ihr argumentiert immer mit »Gerade wir als Deutsche«, hier kommt euer Einsatz: Gerade ihr als Deutsche solltet es nicht zulassen, dass die Türken einen Genozid leugnen dürfen und Mitglied derselben Wertegemeinschaft wie ihr sein dürfen.
Der neuste Report des ai-Journals über die Türkei nahm den EU-Bericht unter die Lupe und stellte fest, dass zwar weniger Folter vorkommt, diese aber dennoch häufig ist. Und ganz zufällig wird mehr ausserhalb der regulären Polizeihaft gefoltert. Sowas aber auch…
Erdogan, der so stolz auf den Bericht war, ging mittlerweile zu Drohungen gegen die EU über: »Wenn die Türkei nicht akzeptiert wird, wird die Welt weiter mit der aktuellen Situation leben müssen«, sagte Erdogan. Die Verbindung zwischen den muslimischen Terroristen in Indonesien, im Pakistan, im Irak, in Bangladesch und dem EU-Beitritt der Türkei kennt wohl nur er.
In der Zwischenzeit skandiereten Demonstranten mit grünen Stirnbänder wie die der Selbstmordattentäter auf den Strassen Istanbuls »Isalmischer Widerstand wird gewinnen«. Im Stadtteil Carsamba werden Bücher die eine jüdische Verschwörungstheorie gegen den Islam propagieren und Frauen tragen zumindest Schleier, oft aber den ganzen Tschador bei welchem nur die Augen zum Vorschein treten. Kenan Alpay, Organisator der Ozgur Der (Freiheitsbewegung (sic!), eine Gruppe islamischer Konservativer), erklärt dass der Islam seinen Platz in der Türkei zurückgewinnen will, da er zu lange nur am Rande stand. Fünf Minuten Taxifahrt davon entfernt befindet sich die Türkei die man sehen will: Miniröcke, Designer-Shops und Bars. Eine Freundin von mir welche im Sommer sechs Wochen lang durch die Türkei reiste, sagte aber, dass die ländliche Türkei viel eher Carsamba als Downtown Istanbul gleiche. Selbst Günter Verheugen sieht ein mögliches »Abrutschen der Türkei in einen antieuropäischen fundamentalistischen Islam«. Etwas was Europas Stabilität sicherlich zu Gute kommen würde. Und es ist nicht die Aufgabe der EU ihren Staaten Demokratie und Freiheit zu bringen, argumentiert Helmut Schmidt und hat selbstverständlich die gesamte Geschichte der EU als »preuve à l’appui«.
Europa wird einen Fehler begehen, es wird alle seine noch übrig gebliebenen Werte über Bord werfen mit der Aufnahme der Türkei. Aber von Vernunft war Europa noch nie geleitet, sondern dem europäischen Reich aus dem späten Mittelalter, als Paris noch der Nabel der Welt war und alle Noblen Französisch sprachen. Die weltpolitische Unwichtigkeit, die Abhängikeit von Amerika schmerzt so sehr, dass alles versucht wird, um das Reich wachsen zu lassen und »in zwanzig Jahren die bedeutendste Weltmacht sein zu können« (Ministerpräsident Spaniens José Luis Rodríguez Zapatero). Mit der Türkei wird der Schuss nach hinten losgehen. Schade, schade, altes Europa!
